Technik und Motive

Ornamente, die ausschließlich in Gold entstehen, werden halkar genannt. Es handelt sich um eine Technik, in der das Gold mit unterschiedlicher Verdünnung aufgetragen wird. Um Malgold herzustellen wird auch heute noch die traditionelle, jahrhundertealte Methode angewandt. Das 22-karätige Blattgold wird in aufwendiger Handarbeit mit gummi arabicum eine Stunde lang eingerührt, ausgewaschen, durch einen Seidensieb gereinigt und getrocknet. Damit das Gold auf dem Papier hält, muss das Papier mit einer Mischung aus Alaun und Eiweiß vorbehandelt werden. Mit einer gelatinehaltigen Wasserlösung wird das Gold mit einem Pinsel auf das vorbereitete Papier aufgetragen und nach dem Trocknen mit einem gefetteten Achatstein poliert.

Auch in der Ornamentik gibt es in den verschiedenen islamischen Ländern Unterschiede, was die Anwendung von Motiven und Farben anbelangt. Während z.B. in der Türkei florale Motive und je nach Epoche der Schwerpunkt auf blau, rot und grün gesetzt wird, findet man in Persien mehr geometrische Motive, wobei der farbliche Schwerpunkt auf blau, grün und weiß gesetzt wird. In Marokko und dem maurischen Spanien findet man dagegen stark geometrische Musterungen in blau, grün und ockergelb. Ineinander geflochtene Rumiformen kann man in den Stuckarbeiten der Alhambra vorfinden.

Die meistverwendeten Motive in der Ornamentik sind

Es ist von enormer Wichtigkeit in der Ornamentkunst, dass die unterschiedlichen Motive ein harmonisches Ganzes bilden. Die dominierenden Motive sollen von den untergeordneten auf schöne Weise ergänzt werden, wobei ein besonderes Augenmerk darauf geworfen wird, wie viel Blatt dekoriert und was frei gelassen wird. Ein untergeordneter Motivtyp, als tig bekannt, wird außerhalb des eigenen Bildes angebracht, um einen sanften Übergang von dem Ornament in das blanke Blatt zu ermöglichen. Historisch gesehen wurden hunderte unterschiedliche tig-Motive im Laufe der Zeit verwendet, je nach Mode der jeweiligen Epoche.

 

Geschichte der Ornamentik in der Türkei

Im 13. Jahrhundert, in der Zeit der anatolischen seljuken und später, in der Zeit der Beylik - Periode, entwickelte sich ein besonderer Stil der Ornamentik in Konya, das zentrale und wichtigste Kunstzentrum der Zeit.

Die Arbeiten während der Sljukischen Dynastie sind reich im Design und dennoch schlicht und mäßig. Sie gelten als beste Beispiele für den Konya-Stil. Die seljukische Kunst wird durch ineinandergehende geometrische Muster charakterisiert, verziert mit Punkten, Sternen und blätterähnlichen Motiven. Auf dem oberen Rand der Seite werden meist schwarze Flechtbänder auf goldenem Hintergrund angebracht. Ein rundes Medallion wird von Münhani - Muster umrandet. Die in dieser Periode meist auftretenden Farben sind Gold, dunkelblau, weiß und rotbraun. Tigs werden eher vermieden oder in Form von feinen Abschlußlinien angebracht.

 Während der Beylik-Periode im 14. Jahrhundert waren rot, grün, dunkelblau und Gold die häufigsten Farben, die Designa ähneln die der frühen osmanischen Ornamentik der Seljuk - Periode.

Im 15. Jahrhundert entwickelte sich eine große Liebe zu illustirerten Manuskripten, insbesondere während der Herrschaft von Mehmet, dem Eroberer. Er ließ in seinem Palast eine Werkstatt speziell für diese Zwecke errichten. Dort wurden viele Exemplare zum Vergnügen dieses bechartenswerten Sultans geschrieben, illustriert und gebunden. Der Stil dieser Zeit bevorzugt die Errichtung von zwei Anfangsseiten mit jeweils einem Medallion: der eine enthielt die Widmung an den Sultan, der andere enthielt den Titel des Buches und den Namen des Autors. Ungleich der seljikischen Medallions, waren die des späten 15. Jahrhunderts oval. Nach diesen zwei vollen Seitenverzierungen folgte die serlehva - Ornamentik in Form eines waagerechten Rechtecks. Einfachheit und ein richtiger Maß in der Verwendung von Gold und hellblau, sind die Handzeichen dieser Zeit.

In einem anderen Kulturzentrum der Zeit, Amasya, wurde ein Ornamentstil entwickelt, der hauptsächlich Rumiformen in Gold-auf-Gold durch feine tig-Verzierungen hervorgehoben werden. In der Zeit als Bayezid II in Amasya auf den Thron wartete, ordete er die Bindung und Illustration einer Zahl von Büchern für seinen Vater in diesem warmen, ansprechenden Stil.

Im 16. Jahrhundert erreicht die traditionelle Ornamentik ihren Höhepunkt. Die zahlreichen Motiven, Farben und Kompositionen, die Perfektion der Techniken, die Vielfalt und Subtilität in den Design, der großzügige Gebrauch von Gold im Einklang mit den begleitenden Farben auf blauem Hintergrund sind charakteristisch für die Illustrationen dieser Periode. Die Reihe der tig-Linien erweitert sich, und das Hinzufügen von Rumiformen steigert den eleganten Effekt. Gegen Ende des Jahrhunderts kann man sogar floristische Muster in den tig-Umrandungen vorfinden.

 Der Chef-Illustrator des Hofes in der Zeit von Kamuni, dem Großartigen, setzt seinen persönlichen Siegel in der Ornamentik-Kunst dieser Periode. Er verziert jede Seite des Gedichts des Sultans mit natürlichen Blumen im halkar-Stil. Fast alle Koltuk-Illustrationen zwischen den Versen sind verschieden und wahrlich großartig.

Die Ornamentik des frühen 17. Jahrhunderts führt den Stil des späten 16. weiter.Was dieses Jahrundert ausmacht, war die größere Bereicherung mit Gold.

Im 18. Jahrhundert bewegte sich die Ornamentik in Richtung Kompositionen um einen großen Blumenbouquet und komplizierten Verzierungen. Selbst die tig-Bordüren waren gefüllt mit aufgeblasenen, breiten Blumen. Barock und Rockocko fanden ihren Weg in die Kunst als Bänder, lebensähnliche Zweige, Blätter und allgemeine Großzügigkeit zur Norm wurden.

Im 19. Jahrhundert setzte ein Rpckgang der Ornamentkunst ein. Mangel an Interesse reduzierte die Anzahl an Illustratoren zu einer Handvoll. Ornamentik konnte dank der Mühe des Prof. Dr. A. Süheyl Ünver und seines Lehrgangs der nächsten Generation zu uns gelangen. Heute gibt es Abteilungen für traditionelle Kunst in diversen Universitäten und spezielle Kurse, durch welche die Kunst der Ornamentik vor dem Absterben geschützt wird.

 

Spanien und die Ornamentkunst

Die maurische Kunst in der spanischen Architektur hat mich in meiner Jugend sehr geprägt. Wer durch den nasridischen Palast in Granada, der Al-hambra - die Rote - läuft, wird von der Schönheit und Perfektion der filigranen Stuckornamente überwältigt. In Spanien ist die Ornamentkunst hauptsächlich in der Architektur - in Fliesen, Holz-, Stein- und Stuckarbeiten, aber auch im Kunsthandwerk,  vor alem in Keramik und Buchbindungskunst zu finden.

1492. Dieses Jahr merkiert das Ende eines Traums und einer Kultur, aber auch den Beginn einer neuen Zeit.

Am 6. Januar des schicksalhaften Jahres 1492 fällt Granada, die letzte moslemische Bastion in Spanien. Die katholische Könige, Isabel de Castilla und Fernando de Aragón, ziehen nach langer Belagerung in die Hochburg des letzten maurischen Herrschers, Boabdil, ein. Boabdil übergibt die Schlüssel von Granada ohne Kampf um die Al-hambra vor der Zerstörung zu schonen. Fast acht Jahrhunderte islamischer Präsenz in Al´Andalus finden damit ein Ende.

500 Jahre später, zu den Feierlichkeiten der spanischen Einheit, muss eingesehen werden, dass 1492 ein trauriger Abschied des Islams stattfand. Die Vertreibung der Juden und Mauren führte zu einer "Verarmung der Seele", des kulturellen sowie des intelektuellen und künstlerischen Lebens. Sie hinterließ eine wichtige Lücke in der spanischen Wirtschaft, zumal zahlreiche Handwerker und kleine Betriebler das Land verlassen mussten, die zum großen Teil das Osmanische Reich mit ihren Fertigkeiten bereicherten. Nach der Kapitulation Granadas wird das Band zwischen Europa und dem Islam unglücklicherweise gebrochen und die islamische Welt entfernt sich. Der geläufige, bekannte Maure von nebenan wird ab 1492 zum befürchteten Türken, zumFremden. Die Annäherungschance zwischen der christlichen und der islamischen Welt wurde politisch verpasst.

Aber bald entstand in Spanien eine "arabische Nostalgie", eine Sehnsucht nach 1.001 Nächte, die sich insbesondere in den Künsten, in der Literatur und in der Musik wiederspiegeln wird.

Die Kunst der Arabischen Ornamentik

Vor der Zeit des Buchdruckes wurden Manuskripte mit Feder in schwarzer Tinte in arabischer Schrift auf mit ahar poliertem Pregamentpapier (einer Mischung aus mühre, einem Glasderivat, welches das Papier weich und glänzend machte, und Eiweiß) geschrieben. Wichtige Bücher wurden in aufwendiger Kalligrafie geschrieben und mit Ornamenten, Marmorierungen, Gravierungen und Miniaturen verziert. Die Buchkünstler: Kalligrafen, Illustratoren, Miniaturmaler, Vergolder und Buchbinder verwandelten Bücher in Kunstwerke. Die in so aufwendiger und künstlerischer Art hergestellten Manuskripte wurden üblicherweise Padishahs, Sultanenfrauen und ehrenwerten Persönlichkeiten geschenkt und privaten Buchsammlungen und Bibliotheken gewidmet, die von Buchinteressierten gegründet wurden.

Tezhip ist der türkische Ausdruck für Ornamentmalerei. Damit werden Verzierungen bezeichnet, die mit Farbe und Gold Büchermanuskripte verschönern. Die Verzierungen in Manuskripten, geschriebenen Alben, murakka genannt, Heften mit wunderbaren Schriftzügen in Farbe oder Gold werden als Ornamente bezeichnet. Das Wort Tezhip kommt aus dem arabischen Wortstamm "zeheb" (Gold) und bedeutet wörtlich "vergolden", "mit Gold verzieren". Der türkische Name für Illustrator ist müzehhip, seine Arbeit stammt aus dem gleichen Wort und heißt müzehhep.

Viele  Künste traditionellen Ursprungs wurden von einer Gruppe von Handwerkern hergestellt, die an einem einzigen Werk tätig waren. Die Arbeiten wurden in kleinen Sälen des Sultanpalastes ausgeführt bzw. in der Werkstatt eines großen Ornamentmeisters. Als erstes stellte der Kalligraf den gesamten Text fertig. Danach war der Rahmensetzer (cedvelkes) an der Reihe, die Linienmarkierungen für das Ornament in schwarzer bzw. blauer Tinte oder in roter Farbe (sürh) zu ziehen. Dann wurden von Meister und Lehrlinge Punkte für das vom Ornamentmaler erarbeitete Werk gesetzt. Dieser malte anschließend die Verzierung entweder alleine oder mit anderen Künstlern zusammen. Früher wurde das Modell folgendermaßen hergestellt: Als erstes malte der Illustrator das Design auf einem einfachen Papier. Meister und Lehrlinge legten dieses Papier auf eine harte, aus Holz und Zink hergestellten Oberfläche. Die Linien wurden mit Nadeln in das Papier gestochen. Das ausgestochene Papier wurde auf den endgültigen Untergrund, der illustriert werden sollte, meistens hochwertiges Pergament, gelegt und mit Puder aus zerkleinerten Schneckengehäusen oder Muscheln bestreut. Das Puder geriet so durch die Nadellöcher auf das darunterliegende Pergamentpapier. Die dadurch entstandene Musterung wurde dann mit Hilfe eines dünnen Pinsels miteinander verbunden, so dass das Design wieder sichtbar wurde. Dann wurde das Ornament vergoldet, anschließend wurden die Farben aufgetragen um zu allerletzt schwarze Konturen mit einem sehr feinen Pisel zu ziehen.

Heute ist der Prozess einfacher. Und dennoch durchlaufen alle Werke von der Konzipierung bis zur Fertigstellung sechs Phasen.

1. Konzeption und Entwurf: Auf Karro-Papier wird das Design mit Zirkel und Lineal milimetergenau konzipiert und erstellt .

2. Übertragung auf Transparentpapier: Der Entwurf wird auf ein Transparentpapier übertragen. Diese Zeichnung dient als Vorlage und kann mit kleinen Änderungen für andere Kompositionen verwendet werden.

3. Übertragung auf das endgültige Papier: Mit Hilfe eines Leuchttisches wird das Design auf das endgültige Papier übertragen. In der Regel verwende ich "Elefantenhaut"-Papier. Wegen seiner glatten Oberfläche und dem marmorierten Grund erinnert es an Pergament. Mit Tee oder Blüten gefärbte Papiere können auch verwendet werden. Die Wirkung mit dem Gold ist sehr spannend.

4. Vergoldung: Als nächstes wird das Werk vergoldet. Die Goldfarbe wird in der traditionellen handwerklichen Methode hergestellt (s. Technik und Motive) und angebracht.

5. Kolorierung: Anschließend wird das Bild koloriert. Dafür werden Tuschfarben mit einer bestimmten Rezeptur gemischt, um genau die Farbtöne der traditionellen Ornamentmalerei zu erreichen.

6. Konturierung: Das farbenprächtige Bild erhält eine schwarze Kontur. Dadurch kommen die Formen und die Farben deutlicher zur Geltung. Die filigrane Arbeit bekommt dadurch ihre feine Fertigstellung.

Die unterschiedlichen Arbeits-Phasen haben einen meditativen Charakter . Dadurch wird das Malen zu einem Gebet.

Meine Arbeiten basieren auf der türkischen traditionellen Ornamentmalerei, bleiben aber nicht in der Nachahmung der alten Meister stehen. Der Gebrauch der Farben außerhalb der traditionellen Farbpalette, sowie das Ausprobieren modernerer und selbst entworfener Designs lassen diese Kunst in einem neuen Licht erscheinen, einen neuen Weg gehen.

 

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